How to – heute: Wie ruiniere ich einen Musikkonzern?

Es fehlt nicht mehr viel und die älteste und traditionsreichste der verbliebenen 4 Plattenfirmen, Electric and Musical Industries (EMI) ist pleite.
Im Geschäftsjahr bis März 2009 machte sie 1,8 Milliarden Euro Verlust.
Unternehmensprüfer warnen die EMI könne womöglich ihren Vertragsverpflichtungen nicht nachkommen, womit eine Fortsetzung des laufenden Betriebes fraglich wäre.

Die Probleme begannen insbesondere mit der Übernahme durch den Finanzinvestor Terra Firma zu einem Preis von 4 Milliarden Pfund. Den Großteil dieses Preises finanzierte Terra Firma durch einen Kredit der Citigroup. Und genau diesen Kredit bürdete die Firma dann wiederum der EMI auf, die so plötzlich hochverschuldet war. (Ist das nicht fein? ich kauf ne Firma mit geliehenem Geld, dann gehört der Laden quasi mir, ich hab das Sagen und schöpfe fein Rendite ab, aber die Schulden hat die Firma. Win-Win für mich. Loose-Loose für die Firma und deren Belegschaft.)
Infolgedessen muss EMI nun jährlich unglaubliche 330 Millionen € an Zinsen bezahlen!
Um den nach heutiger Sicht stark überhöhten Kaufpreis zu refinanzieren setzte Terra Firma auf heftige Sparmaßnahmen und nahm dabei wenig Rücksicht auf den großen Erfahrungsschatz der Belegschaft.  Die guten Köpfe verließen EMI. Die Leitung übernahm der Italiener Elio Leoni-Sceti, ein Marketingexperte der vorher beim  Haushaltsreiniger-Hersteller Reckitt Benckiser(zb. Clearasil) beschäftigt war. Na wenn dieser Herr nicht geeignet ist, wer dann?!

Wie kaum anders zu erwarten war müssen als Begründung für die nun veröffentlichten schlechten Zahlen wiedermal die Raubkopierer und die ‘daraus folgenden’ sinkenden CD-Verkäufe herhalten.

Eine (meiner Meinung nach) viel bessere Begründung lieferte vor einem halben Jahr ein Musikmanager der Konkurrenz in der FAZ:
„Das ist ein Teufelskreis. Wenn eine Plattenfirma zu wenig in neue Musik investiert, sehen ihre Zahlen im ersten Jahr super aus, aber danach brechen die Umsätze weg.“ (auch sonst ein sehr lesenswerter Artikel!)

Tja, und nun haben sie den Salat. Genau DAS passiert wenn man Finanzjongleuren und Kulturbanausen den Betrieb einer Plattenfirma überlässt. Da werden tonnenweise, kurzfristig gewinnversprechende Maßnahmen ergriffen, ohne sich auch nur einen Dreck um die langfristigen Auswirkungen zu kümmern.
Na wenigstens fällt der Investor damit mächtig auf die Schnauze. Schießt er nicht bis März kurzfristig 120 Millionen Pfund nach so werden wohl die Gläubiger von der Citigroup die Kontrolle übernehmen.
Vom Regen in die Traufe.  Dieser (teilweise) großartige Musikkatalog in den Händen einer Bank.
Wie es dann weitergeht steht in den Sternen.

Ich hätte der EMI und vor allem den dort verbliebenen Künstlern eine rosigere Zukunft gewünscht. Auch wenn ich eigentlich jedes untergehende Majorlabel als Vorzeichen einer neuen Ära ansehe und sich mein Mitleid in Grenzen hält.
Tja, dann sinds wohl bald nur noch 3.
Und die Künstler werden auch weiterhin Musik machen und hoffentlich neue Wege und Kunden finden.

1 Comment

  1. klaus says:

    Sehr schön geschrieben Chilli.
    Du kannst es besser als ich :-)

    Klaus

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